Bevor du sterbst... Text und Melodie von Otto Reutter 1921 Verschiedene Regeln, vor dem Tode zu befolgen. 1. Bevor du sterbst und einziehst in die Fremde Rasier dich noch und nimm ein reines Hemde. Musst dir `ne saubere Krawatte drechseln, Du kannst nachher die Wäsche nicht mehr wechseln. Leg dich bequem, befreit von jedem Zwange, Du liegst in dieser Lage ziemlich lange. Nimm`n Kissen untern Kopf mit weißen Bündchen Und mit der Aufschrift "Nur ein Viertelstündchen". 2. Bevor du sterbst, schau nach dem Wärmemesser, Dreh Heizung ab, für dich ist Kälte besser. Bestell den Milchmann ab, und auch den Bäcker, Zieh deine Uhr auf, aber nicht den Wecker. Und dann stirb pünktlich, Frauen wollen zum Schneider, Sie können nicht trauern ohne Trauerkleider. Ja, manche, die bestellen `s schon vor dem Tode, Wenn du dann wartest, ist es aus der Mode. 3. Bevor du sterbst - schreib` selbst noch ohne Rasten die Trauerbotschaft - steck` sie selbst in`n Kasten am Nachmittag - sie bleibt bis morgen liegen, so wird die Nachricht jeder zeitig kriegen. Es ist auch sich`rer, du schreibst die Adressen. Wie leicht wird sonst vielleicht g`rad der vergessen, den g`rad dein Tod ins höchste Glück versetzte; mach` ihm die Freude, `s ist ja doch die letzte. 4. Bevor du sterbst, musst du dir `n Abschied leisten, Denn man betrauert meist sich selbst am meisten. Spiel `n Trauermarsch auf deinem Klimperkasten, Doch spiele ernst, nur auf den schwarzen Tasten. Bist du verheirat` mit `nem gift`gen Drachen, Dann schimpf` nochmal, daß alle Wände krachen, Doch dann stirb schnell, sollt` sie dann weiterbrüllen, Dann hörst du nichts, und hast den letzten Willen. 5. Bevor du sterbst, musst du was Großes reden, die letzten Worte int`ressieren jeden. "Mehr Licht!", sprach Goethe, das war klug und weise. So was, das muss dir einfall`n vor der Reise. Doch, `s muss dir vorher einfall`n, unablässig, wenn dir`s erst nachher einfällt, dann ist`s Essig. Man darf nicht sag`n: "Ihm wurde schwach im Köppchen, die letzten Worte war`n: Wo ist das Töppchen?" 6. Bevor du sterbst, besuch` noch die Bekannten, Die sich mit Recht einst deine Freunde nannten. Sag nicht warum du kommst, beim Weitergehen, Schau sie nur an, sag` kurz "Auf Wiedersehen". Doch hat dich jemand schwer gekränkt mitunter, Mit letzter Kraft hau dem noch eine runter. Kriegst du Gefängnis dann von läng`rer Dauer, Schreib kurz "Ich kann nicht kommen, ich habe Trauer." 7. Bevor du sterbst, da kannst du die bedenken, Die dich geliebt, die kannst du reich beschenken. Doch gibt`s Verwandte, die auf `s Ende lauern. Wenn die was erben, da können sie nicht trauern. Die geh`n vom Grab direkt zum Weinlokale, Dort weint man nicht, man lacht beim Weinpokale. Sie trinken auf dein Wohl, beim Saft der Reben. Erst wenn du tot bist, lassen sie dich leben! 8. Bevor du sterbst, musst du dir Antwort geben: war dieses Leben wert, es zu erleben? War`s nicht ein Tasten, Hasten, krass und flüchtig? Was heute wichtig, scheint dir dann sehr nichtig. Wird eine Träne dann um dich vergossen, die schätzt du mehr als alle Börsen-Haussen, doch von den meisten Menschen und den Dingen denkst du dann bloß wie Götz von Berlichingen. 9. Drum eh du stirbst, musst du noch einmal lachen, Nicht denen, dir musst du `ne Freude machen. Ruf diese Bande. Kommen sie dann in Masse, Und können nicht weinen, zeig ihnen die leere Kasse. Wenn sie die sehen, da kränken sie sich tüchtig, Da werden sie traurig, und dann weinen sie richtig. Und wenn sie weinen, zeig ihnen deine Lende Und lach dich tot. Das ist das schönste Ende!